Auf einer Einöde im Ried
unweit Tiefenbach lebte ein loser Bursche, Mucki genannt, der um die
Kirchen einen großen Bogen machte, jeder Arbeit aus dem Weg ging und sich
gern in Wirtschaften beim Kartenspiel aufhielt.
An einem schönen Herbsttag
schlenderte Mucki wieder einmal übers Feld und hatte sich in
Gannertshofen beim Tarocken stark verspätet. Heute wurde er vom Pech
verfolgt. Er hatte ganz empfindlich verloren. Mit Gewalt wollte er das
Glück auf seine Seite bringen und den Verlust wieder auswetzen. Stunde
für Stunde verrann, und der Zeiger der Uhr näherte sich zusehends der
Mitternachtsstunde, als sich Mucki mit erleichtertem Geldbeutel von seiner
Tischrunde verabschiedete. "Lauf, Mucki, lauf! Sonst erwischt dich
der Eschagore!" lachten ihm die schadenfrohen Zecher nach.
"Meinen Weg find´ ich blindlings", gab er zurück.
Nicht mehr ganz sicher auf den
Beinen tappte Mucki in die Finsternis hinaus. Der Gedanke an den Eschagore
schwirrte ihm im Kopf herum. Schon war er im Wald Stockdunkel war es hier,
kein Weg und und kein Steg zu sehen. Er stolperte über Wurzeln, rannte an
Bäume und fiel hin und wieder in einen Graben. Ungeachtet der Hindernisse
lief Mucki, als säße im schon der Eschagore im Nacken. Schließlich
musste er zugeben, dass er sich verlaufen hatte. Als er sich nach einem
Weg umschaute, sah er in der Ferne ein Licht.
"Das kann nur von der
Riedmühle kommen. Die Müllerin ist krank und wird ein Nachtlicht
brauchen", lallte er . Schweißtriefend lief er darauf zu. Er wurde
bös gefoppt! Das vermutliche Licht kam von einem morschen,
phosphoreszierenden Baumstumpen. Schnaubend blieb er stehen. Sein Herz
pochte zum Zerspringen. Der Gedanke an den Eschagore ließ ihn nicht mehr
los. Eben wollte er sich anschicken weiter zu gehen, da hörte er eine
Turmuhr schlagen. Als der Stundenschlag einsetzte, begann er zu zählen:
1, 2, 3 - Mucki kam bis 12. Es war also Mitternacht, die Geisterstunde.
Kaum hatte er ein paar Schritte gemacht, da ratterte ein Fuhrwerk daher.
"Vielleicht nimmt mich das mit?" Vorsichtshalber duckte sich
Mucki hinter einem Baum und hielt Ausschau. Wie er so nach dem Fuhrwerk
lugte, glaubte er die Pferde vom Kirchenbauern zu Tiefenbach zu erkennen.
"Der Kircher kommt mir wie gewünscht. Schlecht gefahren ist immerhin
besser als gut gelaufen!" dachte sich der Schwerenöter. Schon lief
er auf das Fuhrwerk zu. Der Wagen hielt an, und der Kutscher lud Mucki ein
mit zu fahren. Der leiß sich nicht zweimal bitten. Mucki fiel es doch gar
nicht leicht, auf den Wagen zu kommen. Ihm war, als hätte er Bleiplatten
an den Füßen. Nach einigem Auf und Ab schaffte er die schwierige
Kletterei. Krampfhaft hielt er sich am Wagen ein. "Der Kircher kommt
mir heut´ komisch vor. Nun ja, der hat sich halt bei dem unguten Wetter
einen Sack über den Kopf gestülpt, der wie ein Kapuzinermantel
aussieht." Mucki machte sich keine weitern Gedanken. Die Hauptsache
war, dass er nicht mehr allein war und mitfahren durfte. Der Fuhrmann
schnalzte mit der Zunge und strich mit der Geißel den Pferden ihre
Rücken. Kaum hatte sich das Gefährt in Gang gesetzt, schien der Teufel
in die Rappen gefahren zu sein. Wie von Furien gehetzt, jagten diese
dahin. Plötzlich spien die Pferde Feuerblitze und schlugen mit ihren
Schweifen schaurige Feuerräder. Dem Mucki standen die Haare zu Berge. Bei
dem Geholper stieß dieser mit dem Fuß an etwas Harte. Mucki konnte sich
nicht erklären, was das sein könnte. Ein Schuh war es sicher nicht.
Draum warf er einen flüchtigen Blick auf den unheimlichen Kutscher. Beim
düsteren Schein der Wagenlaterne glaubte er den Bocksfuß zu erkennen.
"Das ist der leibhaftige Eschagore!" fuhr ihm der Gedanke
blitzschnell durchs Gehirn. "Heilige Mutter Gottes, hilf!" rief
er und wollte sich bekreuzigen. Im selben Augenblick geriet der linke
Wagenrand in ein Schlagloch. Im hohen Bogen flog Mucki vom Wagen. Er
landete in einem dichten Dorngestrüpp. Der Alkohol tat das seine, so dass
Mucki das Aufstehen vergaß. Als er aus seiner "Ohnmacht"
erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel.
Die Kratzer im Gesicht und die
Schrammen an den Händen nicht achtend, schleppte sich Mucki nach Hause.
Er war froh, dem Eschagore entkommen zu sein. Auf dem Heimweg gelobte er,
nie mehr bei Nacht und Nebel und zu so später Stunde durch den Eschach zu
gehen.
Der Spuk des Eschagore war
bald in aller Munde, und heute noch wird die Sage von ihm im Rothtal
erzählt.
Mucki soll sich von dem Tage
an gebessert haben. Er mied die Wirtshäuser und und verfluchte das
Kartenspiel. Dafür sah man ihn öfter auf dem Weg zu '"Unserer
lieben Frau" im Wannenkäppele.
Von Alfred Drießle