Nicht weit von der Ortschaft
Nordholz auf dem Schlossberg, dort wo einst eine stattliche Burg das obere
Bibertal beherrschte, lebte der heiligmäßige Bruder Arnik. Sein Abt
Thaddä von Roggenburg hatte ihn nach Auflösung des Klosters mit seinem
Segen in die Einsiedelei geschickt.
Unter mächtigen Tannen hatte
sich der Norbertianer eine Blockhütte gezimmert. Dicht dabei stand eine
schlichte Waldkapelle. Ein Anblick zum Malen schön!
Klausner Arnik war ein viel
beschäftigter Mann. Man traf ihn häufig in Feld und Wald. Er kannte die
Heilkräutlein und sammelte sie fleißig für sich und die Kranken und
Gebrechlichen der ganzen Umgebung. Als Heilpraktiker war er weithin
bekannt. So wurde Bruder Arnik ein Helfer der leidenden Bevölkerung von
weit und breit.
Arniks Kapellchen barg eine
besondere Kostbarkeit - ein geschnitztes Kruzifix - das Abschiedsgeschenk
von seinem Abt. Zu ihm wallfahrteten fromme Pilger und riefen in ihren
Nöten den Gekreuzigten um seine Hilfe an. Manch Anliegen wurde erhört.
Immer zahlreicher fanden sich die frommen Beter ein.
In Nordholz lebte damals ein
verrufener Bursche. Mit Fischen, Fallenstellen und Schlingenlegen konnte
der Blase gut umgehen. An trüben Tagen und mondhellen Nächten ging er
mit Vorliebe seinem dunklen Handwerk nach. Er mied die Menschen, und
Bruder Arnik ging ihm oft im Wege um. Ihn hasste, ja verfluchte er. Das
Läuten des Ave-Glöckleins war ihm zuwider, und die Wallfahrer waren ihm
ein Dorn im Auge. "Das Gerenne zu dem Kuttenträger will ich den
Leuten schon austreiben!" Lange sann er hin und her. Schließlich kam
er auf einen teuflischen Einfall: "Das Kruzifix muss weg!"
Eines Tages sah der Unstete
den Klausner mit seinem Ledertäschchen übers Feld gehen. "Dies
kommt mir wie gewünscht!" dachte sich Blasi, und schon machte er
sich auf den Weg zu Klause. Die Kapellentüre war nur leicht angelehnt.
Die Stätte zum frommen Verweilen stand jedem Beter offen. Blasi
vergewisserte sich, ob "die Luft rein sei", und im Nu stand er
vor dem Kreuz. Rasch riss er es vom Nagel und verbarg es unter seinem
schäbigen Mantel. Auf Umwegen suchte er nun seine Hütte auf.
Bruder Arnik hatte an diesem
Tag viele Krankenbesuche zu machen, und es war schon Nacht, als er sein
hartes Lager aufsuchte. Am nächsten Morgen verrichtete er wie üblich
seine Andacht. Plötzlich fuhr ihm ein Schrecken durch die Glieder. Das
Kreuz ist weg! "Welch Verruchter mag sich hier an unserem Herrn und
Heiland vergriffen haben? Lieber Vater im Himmel, schick den Leuten im Tal
ein Zeichen für ihre Missetat! Schick Kröten in solcher Zahl, dass
dem Dieb das Gruseln kommt und dass sie dem Gottlosen den Aufstieg zu
meiner Klause verwehren!"
Klausner Arnik erholte sich
von dem Schrecken nicht mehr. Er siechte dahin. Als eines Morgens die
Nordholzer das traute Glöcklein nicht mehr hörten, begaben sich
Unentwegte zur Klause. Bruder Arnik hatte das Zeitliche gesegnet. Die
Trauer um den Wohltäter des Bibertales war groß.
Im nächsten Frühjahr setzte
vom Nordholzer Schlossberg herunter eine Krötenwanderung ein, wie sie
noch nie beobachtet wurde. Wohin man blickte, wohin man trat, Kröten und
immer wieder Kröten! Selbst in die Häuser drangen sie vor. Je mehr man
dem ekelhaften Getier zu Leibe rückte, desto mehr Kröten krochen hervor,
Abscheu und Schrecken verbreitend. Das stille Dörflein war mit einem Male
in hellem Aufruhr.
Dieses Ereignis wurde mit dem
Diebstahl des Kreuzes in Verbindung gebracht. Vom Täter fehlte immer noch
jede Spur.
Eines Tages blieb auch Blasis
Kate verschlossen. Blase wurde auf einem seiner Waldgänge von einem
schweren Gewitter überrascht. Unter einer alten Eiche musste er Schutz
gesucht haben. Ein Blitzstrahl von einem mächtigen Donner begleitet
zerschmetterte den Baum und machte auch dem unsteten Leben des Blasi ein
jähes Ende. Waldarbeiter fanden seine Leiche. Auf dem heimischen Friedhof
war für den Gottlosen kein Platz. Blasi wurde im Wald verscharrt.
In den nächsten Tagen wurde
sein Häuschen geräumt. Dabei fand man unter seinem Strohsack das so lang
vermisste Kreuz. Wie ein Lauffeuer ging die Kunde durchs Dörflein. In
feierlicher Prozession wurde das Kreuz am Abend in die Nordholzer Kapelle
gebracht, wo es noch lange einen ehrenvollen Platz einnahm.
Der Krötenzug vom Schlossberg
zum Dorfweiher in Nordholz ist um die Osterzeit eines jeden Jahres noch zu
beobachten. Er wird als ein mahnendes Zeichen für die Untat eines
gottlosen Menschen gedeutet.
Von Alfred Drießle